Herdenschutz Niedersachsen - Leben mit dem Wolf

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DER EUROPÄISCHE GRAUWOLF – EIN PORTRAIT

Bereits 2007 gab es den ersten gesicherten Wolfsnachweis in Niedersachsen. Mittlerweile ist der Wolf in unserer Kulturlandschaft etabliert und auf der Suche nach neuen Lebensräumen auf dem besten Wege, sich flächendeckend zu verbreiten.

Doch was bedeutet die Rückkehr dieses großen Beutegreifers für die Bevölkerung? Kann ein Zusammenleben mit dem Menschen funktionieren und wenn ja wie?

Um diese und ähnliche Fragen beantworten zu können, müssen wir verstehen lernen, wie der Wolf funktioniert.

ALLGEMEINES

Der Grauwolf (Canis lupus)  ist ein Säugetier, welches zur Familie der Hundeartigen zählt und in der Ordnung der Raubtiere geführt wird. Er gilt als sehr anpassungsfähig, sein Lebensraum erstreckt sich über Teile Europas und Asiens. Wichtig zum Überleben sind für ihn eine ausreichende Anzahl von Beutetieren und Rückzugsräume zur Aufzucht seiner Welpen.

Der gut proportionierte Körperbau ist an die Fortbewegung über große Entfernungen hervorragend angepasst, ein kräftiger Hals und Brustkorb, eine schlanke Bauchregion sowie lange Beine ermöglichen es dem Wolf, bei Abwanderung bis zu 70 Kilometer innerhalb von 24 Stunden problemlos zurückzulegen. Er ist ein Ausdauerläufer, der im energiesparenden geschnürten Trab eine Geschwindigkeit von 10-12 km/h erreicht. Als Hetzjäger kann diese auf über 50 km/h gesteigert werden. Der Wolf gilt als guter Schwimmer, für den stehende und fließende Gewässer kein Hindernis darstellen.

Zu seinen herausragenden Sinnen gehören die Augen mit einem Blickwinkel von 250° (Mensch 180°), gutes Nachtsehen, ein gutes Gehör sowie ein ausgezeichneter Geruchssinn.

Die Lebenserwartung in freier Wildbahn beträgt durchschnittlich 10-13 Jahre, die Sterblichkeit junger Wölfe innerhalb der ersten zwei Lebensjahre ist hoch.

DAS RUDEL

Das Wolfsrudel hat die Struktur einer Kleinfamilie. Dazu gehören neben dem Elternpaar die Welpen und die Jungtiere aus dem Vorjahr (Jährlinge). Die Anzahl der Rudelmitglieder unterliegt jahreszeitlichen Schwankungen, bestimmt durch Geburten, Abwanderungen der Jährlingen und Todesfälle. Die durchschnittliche Rudelstärke in Deutschland liegt zwischen 5 und 10 Tieren.

Bei der Aufzucht der Welpen wird das Elternpaar durch die Jährlinge unterstützt, im Gegenzug geben die Alttiere ihre Erfahrungen weiter. Die Jährlinge werden mit zunehmenden Alter immer selbstständiger und unternehmen Ausflüge inner- und außerhalb des elterlichen Territoriums, bis sie schließlich im Alter von 1-2 Jahren endgültig abwandern, um ein eigenes Rudel zu gründen.

DIE FORTPFLANZUNG

Wölfe pflanzen sich einmal im Jahr fort, die Ranzzeit dauert von Januar bis März. Nach einer Tragzeit von ca. 63 Tagen werden die Welpen Ende April/Anfang Mai in einem Bau geboren. In der Regel beträgt die Wurfgröße zwischen 4-6 Welpen. Sie werden bis zu 6-8 Wochen gesäugt, erscheinen aber schon nach ungefähr 3 Wochen nach der Geburt das erste Mal vor dem Bau. Mit 10 Monaten sind die Tiere ausgewachsen, nach spätestens 22 Monaten geschlechtsreif.

DAS TERRITORIUM

Die Größe des Territoriums richtet sich nach der Verfügbarkeit von Beutetieren. Ihre Dichte in einem bestimmten Gebiet muss so hoch sein, dass es das Rudel problemlos ganzjährig ernähren kann, ohne dass dieses Gebiet verlassen werden muss. In Deutschland liegt die durchschnittliche Territoriumsgröße zwischen 250 und 300 km². Das Territorium wird von Wölfen gegen Artgenossen verteidigt, ist es doch ihre Lebensgrundlage. Deshalb bleibt die Anzahl von Wölfen innerhalb eines von ihnen besetzten Gebietes annähernd gleich, bestimmt durch die jahreszeitlichen Schwankungen innerhalb eines Rudels.

DIE ERNÄHRUNG

Die natürliche Nahrung von Wölfen in Europa besteht aus wildlebenden, mittelgroßen Huftieren. Reh, Rot- und Damwild, Wildschweine sowie Elche sind hier die Hauptbeute. Ein ausgewachsener Wolf benötigt täglich ca. 2-3 kg Fleisch. Er kann bis zu 11 kg Nahrung auf einmal aufnehmen, aber auch zwei Wochen hungern.

Der Wolf ist bei seiner Nahrungswahl äußerst anpassungsfähig. Wichtig für ihn ist ein energiesparendes Jagdverhalten. Nicht jeder Jagdversuch hat Erfolg, so dass mit den verfügbaren Kräften effizient umgegangen werden muss. So bevorzugt er leicht erreichbare, junge, wenig wehrhafte, alte und verletzte natürliche Beutetiere oder ungeschützte Nutztiere des Menschen. Der Wolf ist also als anpassungsfähiger Nahrungsopportunist in der Lage, auch in Gebieten zu überleben, die stark vom Menschen geprägt sind.